FR

Rückblick auf die Tagung «Stadt der kurzen Wege» Was haben Superblocks mit XS-Massnahmen zu tun?

26. Februar 2026 – Von kreativen Übergangsmassnahmen in Bern bis hin zu einem neuen Narrativ für den Fussverkehr – für eine Stadt der kurzen Wege sind eine enge Zusammenarbeit der Fachbereiche, ein klarer Fokus auf die Menschen und das Verständnis von Strassenraumumgestaltung als kulturelle Transformation zentral. Die gemeinsame Tagung «Die Stadt der kurzen Wege. Ein Konzept auf dem Prüfstand» von EspaceSuisse und dem Schweizerischen Städteverband befasste sich mit Kooperationen, mutigen Experimenten und Planungen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Anstelle von Stadt der kurzen Wege spricht Michèle Tranda-Pittion, Architektin und Urbanistin sowie ehemalige Lehrbeauftragte an der UNIGE und UNIL, lieber von der «ville de proximité». Sie bevorzugt diesen Begriff, weil er über räumliche Distanz hinausgeht, und soziale Interaktion, Resilienz und Zugang zu Dienstleistungen umfasse. Diese Dimensionen seien laut ihr zentral für die Stadtentwicklung: Sie wies gleichzeitig auf die Risiken dieses Modells hin: Gentrifizierung, Überverdichtung und Unsicherheiten bei lokalen Versorgungsketten. In jedem Fall sei der Einbezug der Bevölkerung wichtig, zum Beispiel durch kleine, kreative Interventionen, um die Lebensqualität zu steigern.

 

Die Stadt Bern beispielsweise, fördert solche Interventionen. Sie klassifiziert ihre Projekte je nach Dauer, die für die Umsetzung notwendig ist, mit einer Kleidergrösse: Temporäre XS-Massnahmen, S-Projekte und partizipative Prozesse ermöglichten es, schnell auf aktuelle Bedürfnisse zu reagieren. Beispiele wie die Länggasse-Strasse oder der Breitenrainplatz zeigten, wie provisorische Eingriffe, bemalte Flächen oder entsiegelte Plätze Aufenthaltsqualitäten schafften. Das städtische Kompetenzzentrum KORA erlaubt der Bevölkerung, eigene Ideen einzubringen und zu testen, bevor dauerhafte Lösungen umgesetzt werden. Gleichzeitig bleibe die Transformation anspruchsvoll: Doch Nadine Heller, Bereichsleiterin Gestaltung + Nutzung, Tiefbau Stadt Bern, und Sebastian Clausen, Projektleiter Verkehrsplanung Stadt Bern betonen, dass Bern diese Veränderung als Gemeinschaftsaufgabe verstehe. Nur zusammen mit der Bevölkerung, den Fachstellen und einer Planung mit den Menschen im Mittelpunkt könne die Stadt der kurzen Wege entstehen.

 

Für bessere Lebensqualität setzt sich auch die Stadt Basel ein. Mit zwei temporären Superblocks im Erlenmatt- und St. Johann-Quartier testet die Stadt Möglichkeiten zur Verbesserung der städtischen Lebensqualität. Während die Nutzung der Aussenräume aufgrund der kalten Jahreszeit bisher zurückhaltend ausfiel, erwartet die Stadt eine aktivere Nutzung im kommenden Frühling und Sommer. Laut Martin Sandtner, Kantonsplaner von Basel-Stadt, seien kurze Wege, zusätzliche Grün- und Freiräume sowie die Entwicklung polyzentrischer Strukturen wesentliche Faktoren für eine hohe Lebensqualität. Die kompakte Stadtstruktur in Basel ermögliche dies gut. Dennoch sehe die Bevölkerung Dichte eher negativ. Die Stadt möchte deshalb vom «Dichtestress» hin zur «Dichtelust». Dies wird am Beispiel Klybeck sichtbar, bei dem die Stadt den Übergang von Industriearealen zu gemischt genutzten Quartieren angeht: neue Zentren, mehr Grün- und Freiräume, besser gestaltete Wege und eine Verdoppelung der Bewohnenden stellen hohe Anforderungen an Planung und Partizipation. Ein funktionierender und vernetzter Polyzentrismus, also die Idee mehrere, gleichwertige Zentren zu haben, stehe für Basel und in insbesondere für die Agglomeration im Fokus. Neue Zentren sollen entstehen und bestehende sollen verbessert werden.

 

Um einen Polyzentrismus und Superblocks zu ermöglichen, brauche es zudem kurze Wege und eine Anpassung des Verkehrs, so Eva Heinen, Professorin für Verkehr und Mobilitätsplanung an der ETH Zürich. In Anbetracht ihrer Analyse zum Einkaufsverhalten bleibt für sie offen, inwiefern Angebote des lokalen Einzelhandels durch Entwicklungen wie den zunehmenden automatisierten Lieferverkehr künftig obsolet werden könnten.

 

Zentral ist dabei insbesondere der Fussverkehr. Ein dichtes Fusswegenetz verbessert die Erreichbarkeit, entlastet Hauptachsen, stärkt menschliche Begegnungen und Gesundheit. Schon kleine Interventionen wie Bänke oder Wege erhöhen die Nutzung des öffentlichen Raums erheblich. Dabei unterstrich Jenny Leuba, Projektleiterin von Fussverkehr Schweiz, die Notwendigkeit, ein neues Narrativ rund um Mobilität zu entwickeln: eines, dass das Gehen aufwerte, Wege intuitiv verständlich mache und Anreize für einen guten Umgang mit dem öffentlichen Raum setze.

 

Laut der Podiumsrunde der Tagung mit den Referierenden erfordere die Umsetzung der Stadt der kurzen Wege vor allem eine klare Kommunikation, die sachliche und emotionale Argumente verbindet, um Menschen zu erreichen. Durch schnelle gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen, politische Limitierungen sowie planerische und ressourcenbezogene Einschränkungen stosse das Konzept aber auch an Grenzen, weshalb eine vorsichtige, Suffizienz-orientierte Planung notwendig sei.

 

In ihrem Schlusswort plädiert Monika Litscher, Direktorin des Schweizerischen Städteverbands, dafür, den Schritt vom Konzept zur Praxis zu wagen, Raum für Experimente zu schaffen und die Raumplanung als wichtigen Hebel zu nutzen, um Qualitäten wie Grünräume, sichere Wege, Begegnung und Klimaanpassung zu stärken. Entscheidend sei, Akzeptanz mitzudenken, Mut zum Ausprobieren zu haben und Städte als Gemeinschaftsprojekte zu verstehen, die durch sorgfältig gestaltete Räume und «Dichtelust» zu mehr Lebensqualität beitragen.

  ·  
+41 78 739 78 16
  ·  
info@aegerter-holz.ch